Die Erkenntnis brachte ihn derart aus der Fassung, dass er gewaltsam die Augen aufriss. Die Situation ließ ihm keine Zeit für Überlegungen, ob sein Unterbewusstsein ihm eine Rückführung an den Beginn seines Lebens offenbart hatte. Menschen mit Nahtoderfahrungen hatten immer wieder behauptet, das gesamte Leben sei nochmal im Zeitraffer als Film vor ihnen abgelaufen. Da er einen Sturz aus dieser Höhe unter normalen Umständen unmöglich überlebt haben konnte, wäre es wenigstens teilweise eine Bestätigung derartiger Aussagen gewesen. Aber selbst unter dem Aspekt, solche Behauptungen als verlässlich einzustufen, war hier alles anders.
Zwar hatte er an diesem Ort einen stofflichen Körper. Er war zumindest bisher der Meinung, sich nicht als Geist in der absurden Welt zu befinden. Aber bereits die Tatsache, jenes Umfeld wahrzunehmen, welches er kurz vor seinem Aufschlag für den Bruchteil von Sekunden erkannt hatte, ließ ihn vermuten, nicht tot zu sein, vorausgesetzt er war nicht schon bei Beginn seines Experimentes gestorben und existierte hier tatsächlich in einer anderen Dimension.
Wenn er sich wirklich in einer anderen Dimension befand, konnten hier durchaus andere Gesetzmäßigkeiten herrschen. Vielleicht befand er sich in einem Zwischenreich, gefangen zwischen Leben und Tod? Als Individuum lebte er nicht mehr, war aber auch kein Geist. Über höher gelagerte Dimensionen hatten die Menschen keine zuverlässigen Erkenntnisse. Das meiste Wissen war spekulativ, da beispielsweise Spukphänomene spontan auftraten und Personen, die solche Ereignisse erforschten, sie nur aus ihren eigenen Dimensionen bewerten konnten und keinen Einfluss auf den Verlauf der Geschehnisse hatten.
Wenn Franky tatsächlich tot war und es einen Himmel gab, dann befand er sich definitiv nicht dort, sondern eher an einer Stätte, die der Hölle wesentlich mehr glich. Dafür sorgte schon der abartige Gestank, den er wahrnahm, allerdings war der Umstand noch das kleinste Übel des Horrorszenarios, das sich ihm darstellte.
Noch völlig benommen von seinem Sturz, quälten ihn als Erstes unsagbare Schmerzen am ganzen Körper. Er hatte den Eindruck, sämtliche Knochen seines Skelettes waren mehrfach gebrochen und alle Organe waren durch den Aufprall zerplatzt. Er hatte den Eindruck, sie wurden nur noch von seiner Hülle zusammengehalten. Zunächst verharrte er noch reglos auf einem eher schwammigen und glitschigen Untergrund.
Erst als er zu erkennen begann, um was es sich dabei handelte, konnte ihn nichts mehr in seiner Lethargie halten. Franky lag auf hunderten, wenn nicht sogar auf tausenden menschlichen Kadavern, die sich im Verwesungsprozess befanden. Die Leiber waren teilweise nackt und zum Teil bekleidet. Manche waren zerfetzt oder es fehlten ihnen Gliedmaßen. Bei einigen war der Prozess der Fäulnis weiter vorangeschritten wie bei anderen. Wäre sein gesamter Sinneseindruck nicht von Entsetzten und Grauen beherrscht worden, hätte er sich sicherlich gefragt, ob diese Körper auch durch den gewaltigen Schacht herab gestürzt waren und wenn es so war, wieso lebte er noch und die anderen nicht mehr?
Durch seinen schockartigen Zustand stellte er sich diese Frage jedoch erst gar nicht sondern zog seine Arme an und stemmte sich auf, wobei er sofort wieder mit einer Hand abrutschte, da der widerliche Untergrund instabil war und der Arm, dessen Schultergelenk durch den Aufprall auf einem der Pfeiler zerstört worden war, den Befehlen seines Gehirnes nur mäßig folgte. Dadurch bewegte er sich jedoch noch hektischer, was ihm unsagbare Schmerzen bereitete, doch der Wunsch sich von den verwesenden Leichen zu entfernen, dominierte sein gesamtes Denken und Handeln. Seine Knochen knirschten seltsam, als er sich erhob.
Noch bevor er sich ganz aufgerichtet hatte, fiel er erneut. Dabei rutschte und kullerte er von dem Berg von toten Leibern. Mit schmerzverzerrtem Gesicht richtete er sich immer wieder auf, um sich so rasch wie möglich von dem widerlichen Ort zu entfernen. Als er endlich unten war, entfernte er sich fluchtartig einige Meter von den Toten um sich dann heftig zu übergeben. Ekel und Gestank übertrumpften im Moment sogar noch seine Schmerzen, allerdings gab sein Mageninhalt nicht viel her. Er würgte hauptsächlich Galle hervor, dennoch wollte der Brechreiz zunächst nicht abklingen, da die eben gemachten Erfahrungen zu krass für Franky waren, um sie sofort verarbeiten zu können.
Mit jeder Sekunde, die verging, begann sich seine Wahrnehmung zu schärfen und er nahm sein Umfeld immer bewusster wahr. Das Grauen und Entsetzen ließen ihn seine Schmerzen und den Durst im Moment vergessen. Er konnte zunächst nicht glauben, was er erkannte und fragte sich, ob er tatsächlich zu sich gekommen war oder er sich noch in einem traumatischen Zustand befand...